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27.11.2011

Hose runter - Die kochende Leidenschaft des Christoph Elbert

Côte de Boeuf (links) mit Christoph Elbert
Wir sind ganz entspannt und denken an: die Wedemark. Blühende Landschaft, nördlich der hannoverschen Stadtgrenze, beliebtes Refugium der besseren Kreise. Und die drehen sich nach Feierabend  am liebsten im Höpershof, ein aufs feinste restaurierter Landgasthof. Hier versinkt der geneigte Gast in ledernen Club-Sesseln und lauscht dem Knistern des Kamins. Auch die Teller verströmen Gemütlichkeit: man is(s)t im „Roastbeef mit Sauce-Remoulade und Bratkartoffeln“-Kosmos. Geadelt wird die „gutbürgerliche“ Speisung gerne mit roten Bordeaux. Der Patron ist Christoph Elbert. 

Sein Höpershof hat aus dem gelernten Koch Ende der 80er Jahre einen selbstständigen Wirt gemacht. Zuvor: Wanderjahre in Frankreich und Italien, dann der Liebe wegen nach Hannover. Hier zunächst Pâtissier - der Mann fürs Süße - in Schu‘s Restaurant, bald Chef im Gourmet‘s Buffet, dann in Heinrich Sterns Bistro Stern‘s Sternchen. Schließlich also das eigene Restaurant in der Wedemark und ein schöner  unternehmerischer Erfolg: die Wedemarker lieben ihr charmantes Hideaway.

Und Elbert selbst? Blickt 2007 versonnen auf die sich wiegenden Weizenfelder vor seinem Gehöft und sieht plötzlich keine Perspektive mehr. „Dieses Ambiente, diese Tischkultur, die Rituale ... - mir wurde klar, daß all das nur eine künstliche Distanz schafft zwischen dem Gastgeber und dem Gast...“, fühlt Elbert sich umringt von Langeweile, will stattdessen wieder Lust verspüren, sucht eine neue Herausforderung. Liegt es an der neuen Liebe Verena? Dank des bildhübschen Vollweibs wird Elbert nach 20 Jahren noch einmal Vater eines Sohnes - und geistiger Vater eines Gastronomiekonzeptes, das es in Hannover so zuvor noch nicht gegeben hat. Und das keinen größeren Gegensatz darstellen könnte zu den zuvor gepflegten Landhausfreuden.

Weinbergpfirsiche - eine Trouvaille
des Vielreisenden Trüffelschweins
Wir sind „Am Küchengarten“: das klingt zwar zunächst auch sehr romantisch und markiert tatsächlich den Ort, wo einst Obstkulturen und Treibhäuser standen zur Versorgung des königlichen Haushalts, aber wir sind im hier und jetzt im tiefsten Linden, hart aber herzlich. Das Häuschen, das Christoph Elbert und seine Frau Verena Schindler hier vorfanden, um es zu ihrem Restaurant 11 A umzubauen, war denn auch kein übrig gebliebener Lustpavillon sondern ein Trafoumspannwerk. Aber was heißt schon „umbauen“?  Es stehen jetzt halt Tische und Stühle drin - designed by Sperrmüll. Und irgendwie hat man es geschafft in die verwinkelten Örtlichkeiten eine Küche hineinzuzwängen. Wer Wolfgang Petersens Film „Das Boot“ gesehen hat... - aber lassen wir das. Der Chef möchte, daß wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. „Ich lasse hier die Hose runter“, kommt Elbert zum Punkt, „hier dreht es sich ausschließlich ums Essen und meine Weine.“ Bahar, die unwiderstehliche Servicekraft, trägt “Tête de veau“ auf - der Kalbskopf kommt mit Zunge, Bries und Hirn und liegt auf einer Scheibe Foie Gras. Ein Gedicht! So hat der junge Christoph ihn schon 1980 in Paris gekocht, damals im La Barrière de la Clichy. „Wir behandeln Hannover wie eine europäische Metropole“, sagt Elbert, dem der allzu zurückhaltende Auftritt schon wegen seiner Körpermasse gar nicht stehen würde, „das ist unser Geschenk an die Stadt!“

Was richtet Herr Elbert da wieder an?
Im Sommer sah man ihn auf Sylt im Sansibar, aber nicht etwa privat vorne im Gastraum, nein, als Hospitant in der Küche. „Ich wollte sehen, wie die Brigade dort unter Volllast arbeitet“, verrät der Nimmermüde, „denn wenn wir im Sommer am Tag 500 Gäste haben, sitzen wir auch manchmal ganz schön in der Scheiße.“ Dennoch: noch immer nicht jeder Feinschmecker findet seinen Weg in „die Elf“. Allein daß man nicht reservieren kann, schreckt ab. „Dabei bekommt bei uns jeder garantiert einen Tisch, man wartet zur Not ein Weilchen in unserer Bar Ihmerauschen.“ Dorthin wird auch gebeten, wer mit dem Essen fertig ist. „Manche Gäste sagen dann, sie wollten noch ein bisschen sitzen bleibe und ‚klönen‘“, wundert sich Elbert, „aber hier wird nicht geklönt.“

...Kalbskopf mit Zunge, Bries und Hirn und Foie Gras
Dieser Beitrag erschien zuerst in Hannover Geht Aus (Winter 2011/2012). Jetzt am Kiosk.

15.04.2010

Zu Gast... im IhmeRauschen

Am Küchengarten gibt es eine neue Bar. Dort kann man über eine geöffnete Kiste 1990er Hermitage La Chapelle von Jaboulet (100 Robert Parker Punkte) ins WC schweben und von da den Gästen beim Weintrinken zusehen - durch eine halbdurchlässige Fensterscheibe.

Gestern wurde die Weinbar "IhmeRauschen" mit 100 geladenen Gästen eröffnet. Sie befindet sich in demselben leicht barackenhaften Gebäudekomplex, in dem auch die Gaststätte "11a Küche mit Garten" untergebracht ist. Und wie diese ist auch IhmeRauschen ein Projekt von Christoph Elbert und seiner reizenden Gefährtin Verena Schindler. Wer in den letzten zwei Jahren mal im 11a essen war, das wir an anderer Stelle in diesem Blog bereits als "das ungewöhnlichste unter den guten Restaurants Hannovers" bezeichnet haben, der ahnt, daß im IhmeRauschen die Uhren ein wenig anders ticken als gemeinhin in Lindener Eckkneipen. Die neue Weinbar ist quasi die Alice-In-Wonderland-Version einer Trinkhalle. Eingebaut wurde sie in ein vormaliges Umspannwerk. Wo früher die schweren Transformatoren im Boden eingelassen waren, ist jetzt der unterirdische, nach oben verglaste Weinkeller - in ihm: eine der wertvollsten hannöverschen Sammlungen von Spitzengewächsen aus aller Welt aus den größten Jahrgängen.

Wegen des Kraftstroms, der früher in dieser Halle floß, - und nicht nur wegen des Wellenschlags der nahen Ihme - trägt der Laden jetzt das "Rauschen" im Namen, denn "der Begriff stammt ja irgendwie auch aus aus der Welt der Elektrik", weiß Wirt Elbert.

Der Allegorien sind noch viele: Die grafittiartigen Höhlengemälde in dem fensterlosen Verließ zitieren Van Gogh. "Die Pappeln rund um Arles, keiner hat sie so gemalt wie Vincent," schnalzt Elbert, "und ich habe ihn jetzt kopiert!" Im Maßstab 10:1. Über uns verdüstert sich die Wolkenhimmeltapete, schon bald rauscht es nicht nur in der Ihme, sondern auch im Kopf des Gastes.

Erdacht und umgesetzt haben das frappante Konzept die Wirtsleute Elbert und Schindler gemeinsam mit Designer Oliver Schröder von raum D. Künftig sollen vor allem die Gäste des 11a vor und nach ihrem Diner im IhmeRauschen verweilen. Ein neuer Bar-Keeper, der sympathische Philipp, unterstützt hier die hausbekannten Grazien Mel und Paula. Nur die gute Bahar verweigert sich der erweiterten Kampfzone, wie sie uns verrät. "Ich verstehe nichts von Wein," stellt die resolute Maîtresse de maison vom 11a klipp und klar. Man kann eben nicht alle haben. Auch nicht als Alice im Wunderland.

Der unterirdische Keller mit überirdischen Trouvaillen -
wir stehen drauf!

Die einzige Verbindung zum Küchengarten - ein Flatscreen

Christoph Elbert mit Weinkönigin aus Beaune

Kopfrauschen

Ein lebhafter Ausblick vom stillen Örtchen

Unser Exklusivinterview

06.01.2010

Zu Gast... im 11A


"Wer abends 'nochmal gemütlich auf 'ne Caipi' in die Kneipe gehen will, sollte unter Hausarrest gestellt werden.“ Christoph Elbert macht einen Punkt. Gegen Gin'n'Tonic - mit einer Gurkenscheibe - ist aber nichts einzuwenden. Den läßt uns der stärkste Wirt Hannovers ungefragt aber ausdrücklich servieren zu seiner „Terrine von Gänseleber und gepökelter Kalbszunge“ (Foto). Bahar setzt von rechts ein. Danke! 

Auch nach zwei Jahren ist das ungewöhnlichste unter den guten Restaurants Hannovers immer noch der Liebling der Saison. Vielleicht liegt's daran: Christoph und seine Partnerin Verena berufen sich auf die durchaus noble Historie ihrer heute so kultigen Location: „Genau hier war früher der Kräutergarten der Welfen!“, lassen die beiden wissen, „wir setzen nur fort, was Hannovers Könige begonnen haben.“

Der Duke of Linden mit einer Flache Wacholderschnaps

Dank Bahar und ihren Kolleginnen ißt im 11A das Auge immer mit

Am Küchengarten 11A, Tel. 5901111

Der Text erschien zuerst in Hannover Geht Aus, Ausgabe Herbst/Winter 2009/2010